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Informationen für Gynäkologen

Erkrankungen der Vulva

Simplifizierende Klassifikation

Dass an der Haut Dutzende von entzündlichen Erkrankungen bekannt sind und sich zuverlässig voneinander abgrenzen lassen, liegt nicht in erster Linie an einer biologischen Ausnahmestellung der Haut. Sie ist ein Organ wie jedes andere, und es gibt keinen Grund für die Annahme, dass ausgedehnte Hauterkrankungen wie die Pityriasis lichenoides oder das Sweet-Syndrom nicht auch innere Organe wie Leber, Niere oder Ovar betreffen könnten. Man kann dort nur nicht ohne weiteres beobachten und gezielt biopsieren und hat deshalb nicht gelernt, diese Erkrankungen dort zu unterscheiden.

Auf dem Gebiet der Dermahistopathologie hat sich in den letzten Jahrzehten viel getan. Noch in den 60er Jahren wurde regelmäßig eine „chronische unspezifische Dermatitis“ diagnostiziert. Eine systematische morphologische Analyse – von der Einbeziehung der Dichte des Entzündungsinfiltrates über die Mitbeurteilung der Lokalisation des Infiltrates und assoziierter Epidermisveränderungen bis hin zur Analyse der Infiltratzusammensetzung – hat inzwischen dazu geführt, dass in den meisten Fällen am Ende des Untersuchung entweder eine eng umrissene Differenzialdiagnose oder eine spezifische Diagnose steht (1).

Eigenartigerweise ist diese Entwicklung der Dermatohistopathologie an einer Körperregion vobeigegangen – an der Vulva. Dabei unterscheidet sich die Vulva nicht grundsätzlich von anderen Hautpartein: Mit Ausnahme des Vestibulums und angrenzender Anteile der Innenseite der Labia minora wird die Vulva von verhornendem Plattenepithel bedeckt. Die Labia minora weisen apokrine Drüsen und Talgdrüsen und die labia majora zusätzlich Haarfollikel auf. Zwar gibt es einige anatomische Besonderheiten wie zum Beispiel eine starke Vaskularisation der Dermis, aber solche lokalisationsabhängigen Besonderheiten gibt es auch in anderen Hautregionen ( Abb. 1 und 2).

Für eine Sonderbehandlung der Vulva gibt es also keine anatomischen Gründe. Der Grund liegt in einer eigenständigen Klassifikation, die auf das Konzept der „chronischen Vulvadystophie“ zurückgeht. Dieser Begriff wurde in den 60er Jahren von T.N.A. Jeffcoate eingeführt und sollte „alle Erkrankungen einschließen, die in der Vergangenheit als Leukoplakie, leukoplakische Vulvitis, Lichen sclerosus, Kraurosis … und atrophische oder hypertrophische Vulvitis bezeichnet wurden … Diese können nur schwer als klinische Entitäten akzeptiert werden, denn sie weisen keine bekannte spezifische Ursache oder Therapie auf, und ihre mikroskopischen Veränderungen sind so variabel und austauschbar, dass die Diagnose durch Kliniker oder Histologen nichts als Meinungsfrage ist … Der schlecht definierte, aber allumfassende Begriff der chronischen Vulvadystrophie … hat den Vorteil, dass er unsere Unwissenheit über Ätiologie und Pathologie dieser hartnäckigen vulvären Hautveränderungen aufzeigt“ (2).

Was Jeffcoate über die Möglichkeiten der histopathologischen Diagnostik schrieb, mag für die 60er Jahre zugetroffen haben – heute ist es überholt. zudem hatte „der schlecht definierte, aber allumfassende Begriff der chronischen Vulvadystrophie“ – wie alle unspezifischen Pseudodiagnosen – den Nachteil, dass er Unwissenheit nicht nur aufzeigt, sondern verstärkte. So wurden im Jahre 1976 alle kutanen Affektionen der Vulva auf drei Kategorien reduziert: auf die „hyperplastische Dystrophie“, den Lichen sclerosus und die „gemischte Dystrophie“ mit und ohne Atypien, und diese Klassifikation wurde selbst dann beibehalten, wenn spezifische Diagnosen möglich waren (3). Zum Beispiel wurde der Begriff „hyperplastische Dystrophie“ für völlig unterschiedliche Krankheitsbilder wie die Psoriasis, den Lichen simplex chronicus und den Morbus Bowen verwendet (4). Ihm wurde als „atrophische Dystrophie“ lediglich der Lichen sclerosus gegenübergestellt, und selbst dieser Unterschied wurde durch die Kategorie der „gemischten Dystrophie!“ verwischt.

Die Probleme mit dieser simplilfizierenden Klassifikation wurden bald erkannt, und im Jahre 1989 empfahl die International Society for the Study of Vulvar Disease eine neue Nomenklatur, die bis heute gebräuchlich ist. Die nicht neoplastischen epithelialen Erkrankungen wurden eingeteilt in 1. den Lichen sclerosus, 2. die „squamous-cell hyperplasia (formerly hyperplastic dystrophy)“, eine Änderung des Names, aber nicht des Konzeptes, und 3. „andere Dermatosen“, eine neue Kategorie, die als Sammeltopf für so unterschiedliche Erkrankungen wie die Psoriasis vulgaris, den Lichen planus, Candida-Infektionen und Condylomata acuminata diente (5). Mit anderen Worten war die neue Klassifikation völlig inkongruent (eine spezifisch Krankheit wurde einer vage histopathologischen Beschreibung und einer uferlosen Restgruppe gegenübergestellt) und beinhaltete bis auf den Lichen sclerosus keine spezifische Diagnose. Ebenso unspezifisch war die Klassifikation neoplastischer Vulvaerkrankungen: Auch „vulvar intraepithelial neoplasia“ ist keine Diagnose, sondern allenfalls eine ungenaue histopathologische Beschreibung (6).

Das Problem solcher unspezifischen Pseudodiagnosen besteht darin, dass sie häufig als Diagnosen aufgefaßt werden, so dass weiterführende Maßnahme zur Sicherung der spezifische Diagnose unterblieben, so zum Beispiel die Erhebung einer genauen Eigen- und Familienanamnese bei Verdacht auf eine allergische Kontaktdermatitis. Einer britischen Studie zufolge wurden durch Epikutantestung bei 39 von 135 Frauen mit chronischen Juckreiz der Vulva Sensibilisierungen festgestellt, die für die klinische Symptomatik relevant erschienen – das sind nahezu 30% der Patientinnen (7). Wie oft aber wird im klinischen Alltag die spezifische Diagnose einer allergischen Kontaktdermatitis der Vulva gestellt? Dass dies fast nie der Fall ist, liegt vor allem an der simplifizierenden Klassifikation von Vulvaerkrankungen, die differenzialdiagnostischen Überlegungen im Wege steht.

Das Gleiche gilt für andere unspezifische Pseudodiagnosen, die in den letzten zwei Jahrzehnten eingeführt wurden, von der Vulvodynie bis hin zum Vulvavestibulitis-Syndrom (8-9). Diese unscharfen Begriffe behindern das Erkennen spezifischer Krankheitsbilder, schließen eine sinnvolle klinisch-histopathologische Korrelation aus und haben dazu geführt, dass bei Läsionen der Vulva viel seltener biopsiert wird als bei anderen Hautveränderungen.

Die Vulva wird von den Dermatologen nur selten untersucht. Von den Gynäkologen aber wird der Wert der Biopsie vielfach unterschätzt. Gerade die Gynäkologen könnten jedoch Veränderungen der Vulva leicht erfassen. Ihnen sollten deshalb die Indikationen zur Vulvabiopsie gut vertraut sein.

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Last Update: 10.08.2009.